Verstehe die Belichtungszeit – und fotografiere noch heute wie ein Profi

Krachend bricht die Welle.

Ich halte den Auslöser gedrückt.

Meine Kamera rattert wie von Sinnen und füllt die Speicherkarte.

Diesmal bin ich mir sicher: Das sind preiswürdige Aufnahmen!

Wir schreiben das Jahr 2008.

Nach der Fototour auf der dänischen Insel Rømø sitze ich frustriert am heimischen PC und und klicke mich durch die langweiligen Bilder.

Welle am meer mit kurzer belichtungszeit

Preiswürdig ist an den Fotos gar nichts. Es fehlt jegliche Dynamik.

Ich fotografierte zwar im M-Modus, weil Profis das tun. Hatte ich zumindest in einem Forum gelesen. Besser wurden meine Bilder dadurch aber nicht.

Schon damals war das Netz voll von beeindruckenden Bildern, bei denen ich am Bildschirm das Meer rauschen hörte.

Nach etwas Recherche fand ich einen Hinweis. Die rauschenden Fotos hatten eine Gemeinsamkeit:

Sie entstanden alle bei ähnlicher Belichtungszeit.

Ich fing an, genauer hinzusehen und auszuprobieren.

Die Belichtungszeit – und wie du Dynamik in deine Bilder bringst

Die Belichtungszeit: Neben der Blende und der Lichtempfindlichkeit eines der drei Elemente für die Belichtung deines Fotos.

Verstehe und bändige die Belichtungszeit und fotografiere sofort bewusster und besser.

In diesem Artikel erkläre ich dir alles, was du über die Belichtungszeit wissen musst, gebe dir Tipps und am Ende kleine Aufgaben.

Kombiniere dein Wissen über Belichtungszeit und Blende und eröffne dir die Welt der Fotografie.

Falls du dich über die Blende ausführlicher informieren willst: Im Artikel „Die Blende – der Zaubertrank für deine Fotos.“ findest du alles, was du darüber wissen musst.

Das erwartet dich in diesem Artikel:

  1. Die technischen Zusammenhänge
  2. Ich zeige dir, wie und wo du die Belichtungszeit an deiner Kamera einstellst
  3. Du erfährst, wie du die Belichtungszeit in deinen Bildern gekonnt einsetzt
  4. Mit drei Fotoaufgaben steigst du direkt in die Praxis ein und sammelst erste Erfahrungen

Bevor wir starten:

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Genug der Vorrede, lass uns starten.

Das musst du über die Technik der Belichtungszeit wissen

Die Erklärung des Begriffs „Belichtungszeit“ steckt bereits im Begriff selbst:

Die Belichtungszeit gibt an, wie lange Licht auf ein empfindliches Medium in einem lichtdichten Kasten fällt.

Für Belichtungszeit tauchen gelegentlich die Begriffe „Verschlusszeit“ oder „Shutter Speed“ auf. Die meinen das gleiche, die Belichtungszeit.

Die Belichtungszeit wird, je nach Länge, in Bruchteilen von Sekunden oder in ganzen Sekunden angegeben.

Das sieht dann folgendermaßen aus:

5″, für fünf Sekunden Belichtungszeit.

1/200s, für eine Zweihundertstel Sekunde.

Häufig fehlt das kleine „s“ für die Einheit Sekunden auch komplett.

Tipp: Sollte sich deine Kamera weigern, Belichtungszeiten über 1/30 Sekunde zuzulassen: Überprüfe, ob du versehentlich im Bereich der ganzen Sekunden unterwegs bist.

So erging es mir schon mehr als einmal. Kurzer Panikanfall, bis ich meinen Fehler bemerkte und das Rad in die andere Richtung drehte.

Wir starten mit einem kleinen Ausflug in die Fotografie-Geschichte:

Die Anfänge der Belichtungssteuerung

Als die ersten Fotografie-Versuche Früchte trugen, beeinflussten die Pioniere nur mit der Belichtungszeit die Belichtung des Bildes.

Eine variable Blende und genormte und veränderbare Lichtempfindlichkeit erfanden kluge Köpfe erst sehr viel später.

Gesteuert wurde seinerzeit ganz einfach:

Kappe von der Öffnung des Kastens nehmen, einige Stunden warten, Kappe wieder drauf setzen.

Ja, du hast richtig gelesen: Einige Stunden warten.

das erste fixierte foto mit blick auf einen hinterhof
Das erste fixierte Foto. Belichtungszeit: 8 Stunden!

Diese sehr langen Belichtungszeiten erforderten keine präzise Steuerung.

Dieses Prinzip fand alsbald ein schnelles Ende:

  • Voigtländer stellte das erste Objektiv mit einer großen Blendenöffnung in den Vierzigern des 19. Jahrhunderts vor
  • einige Menschen erhöhten mit ihren Entwicklungen in der Chemie die Lichtempfindlichkeit der Fotoplatten, und später Filme, immer weiter
  • die Belichtungszeit verkürzte sich dadurch auf einige Sekunden bis hin zu Sekundenbruchteilen

Mit den Entwicklungen wuchsen die Anforderungen die Belichtungszeit genau zu steuern.

Die Stunde des Verschlusses.

Und die schlägt bis heute:

Vier Wege Sensor, Film und Platte vor dem Licht zu verschließen

  1. Schlitzverschluss
  2. Zentralverschluss
  3. Einfachverschluss
  4. Elektronischer Verschluss

Schlitzverschluss

Der Schlitzverschluss besteht aus zwei Vorhängen und sitzt unmittelbar vor dem Sensor/Film.

schlitzverschluss schema ruhender zustand
Der Schlitzverschluss am Ausgangspunkt

Vorhang 1 läuft vor Vorhang 2 los. Nach eingestellter Belichtungszeit folgt Vorhang 2. So entsteht ein Schlitz durch den das Bild Streifen für Streifen belichtet wird.

schlitzverschluss läuft mit eingestellter belichtungszeit los
zweiter verschlussvorhang folgt dem ersten mit der eingestellten belichtungszeit
beide verschlussvorhänge haben sich nach der belichtungszeit eingeholt, sensor ist wieder verschlossen

Vorteil: Mit dieser Methode lassen sich sehr schnelle Belichtungszeiten ermöglichen. Üblich sind 1/8000s.

Den Rekord hält Contax mit 1/12.000s.

Nachteil: Bei schnellen Belichungszeiten taucht der Bildsensor nie komplett ins Licht.

Der Sensor wird zwar streifenweise belichtet, liegt aber nie komplett frei. In den meisten Fällen kein großes Problem:

Außer beim Blitzen.

Das Blitzlicht ist DER Pferdefuß des Schlitzverschlusses.

Der Blitz leuchtet das komplette Bild aus. Und das für einen sehr kurzen Moment.

Wenn bei schnellen Belichtungszeiten allerdings nie der komplette Sensor frei liegt, bekommt auch nie der komplette Sensor das Licht des Blitzes ab.

Die Folge: Es entstehen abgeschattete Balken im Bild.

Das ist der sogenannte „Rolling Shutter Effekt“.

Denn dein Motiv, wenn es sehr schnell ist, bewegt sich in der Zwischenzeit weiter.

Dies führt dazu, dass auch an modernen Kameras mit Schlitzverschluss die schnellste Belichtungszeit mit Blitz in der Regel zwischen 1/250 Sekunde und einer 1/400 Sekunde liegt.

Einige Hersteller versuchten dieses Problem mit Stroboskop-artigen Blitzen zu beheben. Allerdings beschränkte dies die Leistung der Blitze.

Mit Entwicklung der spiegellosen Kameras (DSLM) tritt dieses Problem in den Hintergrund. Denn hier läuft der Verschluss elektronisch. Doch dazu an späterer Stelle mehr.

Zentralverschluss

Der Zentralverschluss sitzt direkt hinter oder auch in der Blende. Also meist direkt im Objektiv.

Hinter der Blende empfiehlt sich, da dort das Strahlenbündel den engsten Punkt markiert und durch die zusätzliche Öffnung direkt dahinter die Gefahr der Vignettierung sinkt.

Mehr zur Vignettierung findest du im Fotolexikon im Eintrag „Vignettierung/Vignette„.

Der Zentralverschluss springt im Moment des Auslösens komplett auf und gibt das gesamte Bild frei.

Häufig kombinieren die Hersteller diesen Verschluss auch direkt mit der Blende.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Diese Art des Verschlusses gibt immer das komplette Bild frei. Es gibt also keine Probleme mit dem Blitzen.

Die Nachteile:

  • sehr kurze Belichtungszeiten lassen sich damit nicht realisieren; mehr als 1/1000 Sekunde ist nicht möglich, da zu viele Teile bewegt werden müssen
  • der Verschluss sitzt häufig im Objektiv, das macht die Konstruktionen aufwändig und teurer
  • begrenzt die größtmögliche Blendenöffnung

Der Zentralverschluss setzte sich bei Mittel- und Großformatkameras durch. Also Kameras, die teilweise den Wert eines neuen Kleinwagens übersteigen.

Einfachverschluss

Sogenannte Einfachverschlüsse findest du in Kameras, in denen keine Präzision des Verschlusses gefragt ist.

Die Funktion des Einfachverschlusses besteht allein darin: kurzzeitig Licht in die Kamera lassen.

Ganz ohne Zeitsteuerung oder ähnliches.

Filme, die eine hohe Unempfindlichkeit gegenüber Fehlbelichtungen aufwiesen, ermöglichten den Bau von sehr einfachen Kameras. Du kennst sie vielleicht unter dem Namen: Point’n’Shot-Kamera.

Einstellmöglichkeiten gibt es an solchen Kameras nicht. Auch nicht für die Belichtungszeit.

Entsprechend einfach darf der Verschluss einer solchen Kamera sein.

Die Fehlbelichtungen gleicht in der Regel, wenn es denn möglich ist, das Entwicklerlabor aus.

Elektronischer Verschluss

Der elektronische Verschluss kam mit den digitalen Kameras auf.

Dieser verwendet keine mechanischen Teile, sondern funktioniert rein elektronisch.

Dahinter stand die Idee, dass sich extrem kurze Belichtungszeiten realisieren lassen sollten.

Fuji schaffte dies mit der X-T5 auf 1/180.000 Sekunde.

Ob und wie praxisrelevant solche Zeiten sind, lasse ich mal dahin gestellt.

Ein anderer großer Vorteil des elektronischen Verschlusses:

Ein schwingender Spiegel und ein sich öffnender Verschluss bewegen sich mechanisch. Auch wenn sie vielleicht elektronisch angesteuert werden.

Und da wo sich Teile bewegen, gibt es Verschleiß.

Der entfällt bei elektronischen Verschlüssen.

Die Belichtungssteuerung erfolgt beim elektronischen Verschluss durch ein Steuersignal, dass die Bildinformationen nach einer festgelegten Zeit, der eingestellten Belichtungszeit, ausliest und abspeichert.

Das stellt die Entwicklungsabteilungen allerdings vor ein Problem:

In spiegellosen Kameras läuft der Bildsensor die ganze Zeit mit. Denn irgendwo muss das Sucherbild ja herkommen.

Wenn du ein Bild aufnehmen möchtest, muss der Sensor zurückgesetzt werden. Also die Bildinformationen für das Sucherbild aus dem Sensor verschwinden.

Und genau an dieser Stelle wird es kompliziert.

Der Sensor erfasst die Belichtung in Zeilen oder Spalten. Die Belichtung erfolgt also nicht komplett, sondern Zeile für Zeile beziehungsweise Spalte für Spalte. Und genauso werden die Informationen dann auch ausgelesen.

Bewegt sich ein fahrender Zug sehr schnell, ist er schon ein Stück weiter gefahren, ehe das Bild komplett, Zeile für Zeile belichtet ist.

Auch hier schlägt der „Rolling Shutter Effect“ zu. Und sorgt damit auch für eine verhältnismäßig lange Blitzsynchronisationszeit.

Mittlerweile fanden die Ingenieure Lösungen: Der sogenannte „Global Shutter“.

Die Bildinformationen werden, ähnlich dem Zentralverschluss, komplett aufgenommen und ausgelesen.

Wie genau, würde uns tiefer in die Elektronik und Datenverarbeitung führen.

Diese Form des Verschlusses ist aufwändig und damit teuer. In alltäglichen Kameras entsprechend (noch) nicht zu finden.

Genug zur Technik. Schön wäre zu wissen, wie du die Belichtungszeit an deiner Kamera einstellen kannst:

So stellst du die Belichtungszeit an deiner Kamera ein

Nach den Erklärungen zur Technik steigen wir nun in die Praxis ein.

Die Belichtungszeit kannst du an deiner Kamera auf verschiedenen Wegen einstellen.

Die meisten Kameras verfügen über ein sogenanntes Moduswählrad:

moduswählrad einer Kamera

Mit diesem Moduswählrad kannst du verschiedene Belichtungsprogramme wählen, beispielsweise für Makros, Portraits, Essen und vieles mehr.

Auf den meisten Wählrädern findest du aber auch die Buchstaben M, S, A, P. Achtung: Canon und Pentax verwenden andere Kürzel: statt einem „S“ findest du „Tv“ und statt „A“ das Kürzel „Av“.

Das verbirgt sich hinter den Buchstaben:

  • M, die manuelle Belichtungssteuerung
  • A (bei Canon und Pentax Av), die manuelle Blendeneinstellung (du gibst der Kamera eine Blende vor, sie berechnet den Rest)
  • S (bei Canon und Pentax Tv), die manuelle Belichtungszeiteinstellung (du gibst der Kamera die Belichtungszeit vor, sie berechnet den Rest)
  • P, Belichtungsautomatik (Kamera ermittelt Blende und Belichtungszeit, du steuerst den Rest)

Methode 1 zur Einstellung der Belichtungszeit

Um die Belichtungszeit einzustellen verwendest du am einfachsten den Modus „S“ oder „Tv“.

moduswählrad mit markierter zeitpriorität

In diesem Modus gibst du eine Belichtungszeit vor und die Kamera berechnet automatisch die Blende für eine ausgewogene Belichtung.

Mit einem Einstellrad verstellst du an deiner Kamera ganz praktisch die Belichtungszeit.

Häufig befindet sich das Einstellrad in der Nähe deines Daumens, wenn du deine Kamera in der Hand hältst.

einstellrad an einem kameragehäuse

Canon geht allerdings auch hier einen Sonderweg. Dort befindet sich ein Einstellrad dicht beim Auslöser, also bei deinem Zeigefinger.

Und ebenfalls sehr eigen, geht Fuji vor. Wie bei alten, analogen Kameras findest du bei einigen Modellen das Rad für die Belichtungszeit oben auf der Kamera.

Findest du kein Einstellrad an deiner Kamera, sieh in der Bedienungsanleitung nach. Entweder in der Erklärung der Bedienelemente oder unter dem Stichwort Zeitenpriorität (manchmal auch unter Modus S/Tv vermerkt).

Ist auch im Handbuch kein Hinweis zu finden, hilft nur noch die Suche in den Menüs. Bei Smartphones und günstigen Kameras versteckt sich die Einstellung der Belichtungszeit häufig unter der Bezeichnung „Profimodus“ oder etwas in der Richtung.

Falls sich deine Kamera mit der Belichtung verrechnet…

Deine Kamera sieht und weiß nicht, was du fotografierst. Genau genommen ist ihr das auch herzlich egal.

Das sorgt gelegentlich für schlecht belichtete Bilder. Also viel zu dunkel oder viel zu hell.

Der Klassiker: Ein schwarzer Hund im Schnee.

Der Schnee sorgt für eine sehr helle Umgebung und nimmt vermutlich sehr viel Platz in deinem Bild ein.

Deine Kamera sorgt für eine korrekte Belichtung des Schnees. Dafür erkennst du deinen schwarzen Hund im Bild aber nur noch als schwarzen Fleck. Keine Fellzeichnung, keine Gesichtszüge.

Klarer Fall für die Belichtungskorrektur.

taste für die belichtungskorrektur markiert

Damit sagst du der Kamera, dass sie dein Bild heller oder dunkler als das bisher errechnete belichten soll. Und zwar in Drittel-Blendenstufen. Zur Bedeutung dieses Begriffs kommen wir gleich.

Als Resultat erkennst du vielleicht keine Zeichnung mehr im Schnee. Dafür siehst du nun die Fellzeichnung und die Augen deines Hundes. Da dieser ja das angenommene Hauptmotiv sein soll, lässt sich der konturlose Schnee leichter verschmerzen.

schwarzer hund im verschneiten wald
Die hellen Stellen des Schnees sind überbelichtet, dafür ist Ronjas dunkles Fell gut zu erkennen.

Wie bei der Blende stellst du die Belichtungszeit in vollen, halben oder gedrittelten Blendenstufen ein. Das sieht dann so aus:

1″, 1/2, 1/4, 1/8, 1/15, 1/30, 1/60, 1/125, 1/250, 1/500, 1/1000, 1/2000, 1/4000 … .

Wie du siehst: Die Zahl unter dem Bruchstrich wird einfach verdoppelt. Bei einigen Schritten rundeten die Ingenieure die Zahlen (zum Beispiel von 1/8 –> 1/15). So lassen sie sich besser merken.

Am häufigsten findest du die Aufteilung mit Drittel-Blendenstufen:

1″, 1/1.3, 1/1.6, 1/2, 1/2.5, 1/3, 1/4, 1/5, 1/6, 1/8, 1/10, 1/13, 1/15, 1/20, 1/25, 1/30, 1/40, 1/50, 1/60, 1/80, 1/100, 1/125, 1/160, 1/200, 1/250, 1/320, 1/400, 1/500, 1/640, 1/800, 1/1000, 1/1250, 1/1600, 1/2000, 1/2500, 1/3200, 1/4000

Methode 2 zur Einstellung der Belichtungszeit: Der manuelle Modus

Drehst du das Moduswählrad auf den Modus „M“, steuerst du die Belichtung deiner Fotos komplett selbst.

moduswählrad mit markiertem Modus M für manuelle belichtungssteuerung

Das bedeutet:

Neben der Belichtungszeit stellst du auch die Blende selbst ein.

Hier unterscheiden sich die Kamerahersteller sehr stark in der Bedienung.

Einige Hersteller verbauen in ihren Kameras zwei Einstellräder. Mit einem stellst du die Blende, mit dem anderen die Belichtungszeit ein.

Je nach Modell kann es aber auch sein, dass dir nur ein Rad zur Verfügung steht. Dann kann es sein, dass du eine Taste auf dem Kameragehäuse gedrückt halten musst, um beispielsweise die Blende zu steuern.

Eine allgemeingültige Aussage kann ich an dieser Stelle leider nicht treffen. Hier musst du einfach ausprobieren. Und notfalls einen Blick ins Handbuch deiner Kamera werfen.

Für den Anfang deiner Fotolaufbahn empfehle ich dir die erste Methode. Also den Modus „S“ oder „Tv“.

So kannst du dich allein auf die Belichtungszeit und ihre Auswirkungen konzentrieren.

Darauf musst du bei der Belichtungszeit achten

Lass uns kurz darüber sprechen, worauf du bei einem bewussten Einsatz der Belichtungszeit achten solltest.

Die erste und zentralste Frage:

Erfordert mein Motiv eine bestimmte Belichtungszeit?

Die Frage steht über allem.

Abhängig vom Motiv gibt es drei Antworten:

  1. Willst du eine Bewegung „einfrieren“, brauchst du eine kurze Belichtungszeit.
  2. Willst du eine Bewegung bewusst verschwimmen lassen, brauchst du eine lange Belichtungszeit.
  3. Hast du ein statisches Motiv vor der Linse, kannst du die Belichtungszeit frei wählen.

Aber Vorsicht: Nicht alles, was statisch wirkt, ist es auch. Stichwort Sternenhimmel fotografieren. Doch dazu an späterer Stelle mehr.

Neben dem Motiv beeinflussen noch andere Faktoren die Belichtungszeit:

Was Brennweite und Belichtungszeit miteinander zu tun haben

Brennweite und Sensorgröße ergeben den Bildwinkel.

Vereinfacht gesagt: Je größer die Brennweite, desto kleiner wird der Ausschnitt, den du in deinem Bild auf den Sensor bannst.

Und ein kleiner Bildausschnitt sorgt dafür, dass du ein Bild schneller verwackelst.

Ich war seinerzeit schwer erstaunt, wie unruhig das Sucherbild bei 300 Millimetern Brennweite hin und her zitterte.

Daraus resultierten, besonders am Anfang, eine ganze Reihe verwackelter Fotos. Bis ich irgendwann auf die Idee kam, die Belichtungszeit bei langen Brennweiten zu verkürzen.

Später stolperte ich über eine Faustformel:

Die Brennweite als Sekundenbruchteil als längste Belichtungszeit.

Soll heißen:

10 Millimeter Brennweite –> 1/10 Sekunde Belichtungszeit
50 Millimeter Brennweite –> 1/50 Sekunde Belichtungszeit
200 Millimeter Brennweite –> 1/200 Sekunde Belichtungszeit

Längere Belichtungszeiten sorgen für Unschärfe durch Verwackeln.

Ja, gänzlich in Stein gemeißelt sind die Werte mittlerweile nicht mehr.

Stabilisatoren verlängern die Belichtungszeiten zum Teil erheblich.

Dabei unterscheiden sich die Hersteller sehr stark, so dass ich dir dazu keine Empfehlung geben kann. Probiere es im Zweifelsfall vorher einfach aus.

Manchmal gibt das Licht den Einsatz der längsten Belichtungszeit allerdings nicht her. Dafür gibt es ein nützliches Utensil:

Das Stativ – bei längeren Belichtungszeiten unverzichtbar

zwei inseln in rotem see unter blauen abendhimmel

Generell halte ich ein Stativ, besonders zu Beginn, für absolut sinnvoll. Das vorab.

Wenn es um die Belichtungszeit geht, erwirbst du mit einem Stativ die Möglichkeit, unterschiedlich lange Belichtungszeiten auszuprobieren. Ohne, dass die Gefahr des Verwackelns besteht.

Und wenn du dich an Langzeitbelichtungen ausprobieren willst, kommst du um ein Stativ sowieso nicht mehr herum.

Daneben bringt dir das Stativ noch viele weitere Vorteile. Zum Beispiel:

  • Du kannst dir sehr viel Zeit für den Bildausschnitt nehmen.
  • Der immer gleiche Bildausschnitt zeigt dir die Auswirkungen, wenn du unterschiedliche Einstellungen vornimmst.
  • Die Verwacklungsgefahr ist stark reduziert.
  • Du hast alle Zeit der Welt, die Einstellungen, wie die Belichtungszeit, vorzunehmen.
  • Das Erstellen von Belichtungsreihen wird dir durch ein Stativ viel leichter fallen.

Na, überzeugt? Falls nicht habe ich zum Stativ einen eigenen Artikel geschrieben: „Das Stativ – ein verkanntes Hilfsmittel„.

Wie du dein Wissen über die Belichtungszeit kreativ einsetzt

Es gibt einige Bereiche in der Fotografie, bei denen die richtige Belichtungszeit über die Qualität der Aufnahme entscheidet.

Dynamik! Lebhafte Fotos mit mittleren Belichtungszeiten

Bewegung lässt sich in Fotos kaum darstellen. Ein Foto ist schließlich kein dynamisches Medium wie der Film.

Mit der Belichtungszeit existiert aber eine Möglichkeit, Bewegung zu vermitteln.

Sicher kennst du Cartoons wie Tom und Jerry. Wenn Jerry vor Kater Tom flieht, bilden die Mäusebeine eine rotierende Scheibe.

Dieses Prinzip kannst du in der Fotografie ebenfalls nutzen:

welle bricht über seebrücke mit gelber Leuchtbake zum sonnenuntergang

Die mittellange Belichtungszeit von 1/5 Sekunde lässt das Wasser in der Bewegung verschwimmen. So entsteht bei Zuschauenden der Eindruck von Bewegung und Dynamik.

Die richtige Belichtungszeit für diese Art der Darstellung findest du allerdings nur durch Ausprobieren heraus.

Denn es hängt davon ab, wie schnell sich dein Motiv bewegt, wie weit entfernt du stehst und welche Brennweite du verwendest.

Lange Belichtungszeiten: Entferne störende Bewegungen

Sehr lange Belichtungszeiten lassen bewegte Objekte verschwinden.

So kannst du mit einer langen Belichtungszeit dafür sorgen, dass ein überlaufener Platz menschenleer wirkt.

Oder dass das Meer gänzlich flach in deinem Bild erscheint:

steine in der Ostsee zum sonnenuntergang mit sehr langer belichtungszeit fotografiert

Friere Bewegungen mit kurzen Belichtungszeiten ein

Sehr kurze Belichtungszeiten geben dir die Möglichkeit Bewegung einzufrieren. Und damit Details sichtbar zu machen, die für unsere Augen unsichtbar sind.

Dazu wählst du extrem kurze Zeiten, wie etwa 1/1000 Sekunde.

welle kracht über bunker am strand kurze belichtungszeit

Die extrem kurze Belichtungszeit von 1/1000 Sekunde sorgt dafür, dass im Bild nahezu jeder Wassertropfen des Brechers zu erkennen ist.

Auch hier hängt es davon ab, wie schnell sich dein Motiv bewegt und wie groß die Entfernung ist.

Probiere am besten verschiedene Zeiten aus.

Die Belichtungszeit im Sport

Beim Sport wirst du in den meisten Fällen Bewegungen einfrieren wollen.

Entsprechend nimmst du die Belichtungszeit in den Fokus. Alles andere hat sich dieser unterzuordnen.

Besonders bei Hallensportarten bekommst du dabei Probleme.

Denn Sporthallen sind fotografisch richtig duster.

Soll heißen:

Bei Ballsportarten sollte die Belichtungszeit nie unter 1/1000 Sekunde liegen. Besser wäre noch 1/2000 Sekunde.

Das stellst du am einfachsten im Modus „S“ oder „Tv“ ein.

Die Kamera wird die Blende weit öffnen und die Lichtempfindlichkeit nach oben jagen.

So legst du nebenbei sämtliche Scheu vor „verrauschten“ Bildern ab.

Denn lieber ein verrauschtes aber scharfes Bild, als das, was ich 2013 zurecht pfuschte.

angriff im volleyball mit block und zu langer belichtungszeit
Belichtungszeit 1/500 Sekunde. Zu langsam für eine schnelle Sportart wie Volleyball. Der Ball ist unscharf.

Fotos der Milchstraße – Besonderheiten für die Belichtungszeit

In der Astrofotografie spielt die Belichtungszeit ebenfalls eine zentrale Rolle.

Warum?

Wie Galileo Galilei bereits wusste: Die Erde dreht sich.

Und das kann zu Problemen führen, wenn du die Milchstraße fotografieren willst. Denn durch die Bewegung der Erde verändern die Sterne am Nachthimmel ihre Position.

Bei einer zu langen Belichtungszeit verwandeln sich die Sternenpunkte zu Strichen.

Die längste, mögliche Belichtungszeit hängt wiederum vom Bildwinkel und damit indirekt von der Brennweite ab.

Sehr kurze Brennweiten lassen längere Belichtungszeiten zu.

Ein Beispiel: Mein kürzestes Objektiv besitzt eine Brennweite von 9 Millimetern. Der Sensor misst 23,6 x 15,8 Millimeter. Daraus ergibt sich ein Bildwinkel von etwa 114°. Damit kann ich 22 Sekunden lang belichten, ohne das die Sterne Spuren hinter sich herziehen. Mein 16 Millimeter-Objektiv schafft bereits nur noch 12 Sekunden Belichtungszeit.

milchstrasse über seebrücke am ostseestrand und längster belichtungszeit
Länger als 20 Sekunden belichten ging bei diesem Bild nicht.

Es gibt einige Apps, mit deren Hilfe du die maximale Belichtungszeit für deine Kamera und dein Objektiv berechnen kannst. Die kosten allerdings Geld.

Wenn du es einfacher haben willst, nutze die „300er-Regel“.

Dazu rechnest du:

300/Brennweite/Cropfaktor des Sensors = maximale Belichtungszeit.

Ja, ich weiß, schon wieder Mathe.

Ich nehme dir das Rechnen ab:

Brennweite in MillimeternKleinbild1,5 Crop (Fuji, Nikon DX…)1,6 Crop Canon (z.B. 90D, 850D, 2000D…)2,0 Crop (micro Four Third z.B. Olympus)
933s22s21s17s
1030s20s19s15s
1225s17s16s12s
1421s14s13s11s
1619s12s11s9s
1718s12s11s9s
1817s11s10s8s
2412s8s8s6s

Und wenn das Objektiv eine sehr große Blendenöffnung besitzt, kann das Abenteuer starten.

Dass du für Bilder der Milchstraße ein Stativ brauchst, muss ich noch erwähnen?

So, nun hast du eine Menge Text gelesen und Bilder angesehen. Kommen wir zur Praxis.

Die Theorie praktisch nutzen

Zeit, sich mit der Belichtungszeit praktisch zu beschäftigen.

Folgende Aufgaben habe ich mir für dich überlegt:

1. Bewegung bewusst verschwimmen lassen

Warte bis es dunkel ist und schnappe dir deine Kamera und dein Stativ.

ACHTUNG! Bevor du los ziehst, stelle sicher, dass der Blitz an deiner Kamera ausgeschaltet ist!

Suche dir eine Brücke über eine befahrene Straße oder Bahnstrecke.

Stell‘ den Modus deiner Kamera mit dem Moduswählrad auf „S“ oder „Tv“.

Wähle eine Belichtungszeit von 10 Sekunden.

Warte bis ein paar Autos vorbei kommen und drücke den Auslöser.

Bestaune das Ergebnis am Kameramonitor.

2. Bewegung einfrieren

Suche dir ein bewegtes Motiv.

Das können Windräder sein. Oder dein Haustier. Das Training deiner Hobbysportart.

Irgendetwas, das sich bewegt.

Im Gegensatz zu Aufgabe 1 ist hier strahlender Sonnenschein sehr hilfreich.

Wähle erneut mit dem Moduswählrad deiner Kamera „S“ oder „Tv“ aus.

Diesmal wählst du als kürzeste Belichtungszeit 1/2000 Sekunde.

Drücke den Auslöser.

Rufe das Bild auf dem Kameramonitor auf und sieh nach, ob die Bewegung eingefroren ist.

Dein Bild ist unscharf?

Wenn du eine 1/2000 Sekunde eingestellt hast und nicht gerade ein Flugzeug im Tiefflug fotografiert hast, liegt wohl der Fokus deiner Kamera falsch.

Mögliche Gegenmaßnahmen:

  1. Fotografiere dein Motiv seitlich zur Bewegungsrichtung.
  2. Stelle den Auto-Fokus auf „Kontinuierlich“, „AF-C“ oder „AF-Servo“ (Möglicherweise musst du dich dabei durch das Kameramenü hangeln.)
  3. Schalte deine Kamera auf Serienaufnahmen um.

Wenn diese Maßnahmen nicht zum Erfolg führen, schreibe mich an.

Dann helfe ich dir direkt an deinen Bildern weiter.

3. Fließendes Wasser fotografieren

Zugegeben, an der Ostsee zu wohnen hat große Vorteile.

Falls du nicht mit einem Meer vor der Haustür privilegiert bist:

Es gibt doch bestimmt einen fließenden Bach oder einen Fluss in deiner Nähe.

Ziehe mit Kamera und Stativ los, so dass du zur Blauen Stunde am fließenden Gewässer ankommst.

Wieder drehst du das Moduswählrad deiner Kamera auf „S“ oder „Tv“.

Als Belichtungszeit wählst du dieses Mal 1/5 Sekunde.

Drücke den Auslöser und achte auf das Ergebnis am Kameramonitor.

Verschwimmt das Wasser, so dass der Eindruck von Dynamik entsteht?

Meine Zeitangabe von 1/5 Sekunde ist nur ein Richtwert. Je nach Größe, Abstand und Geschwindigkeit des Gewässers musst du hier experimentieren.

Das sollte dir jetzt aber auch nicht mehr schwer fallen.

4. Die Milchstraße fotografieren

Diese letzte Aufgabe ist eine Herausforderung.

Möglicherweise kostet sie dich Schweiß, Tränen und Nerven.

Bewältigst du sie, wird dich das Ergebnis aus den Latschen hauen.

Was du dafür benötigst:

  • Objektiv mit kurzer Brennweite und großer Blendenöffnung (zum Beispiel Laowa 9/2.8, Nikon 20/1.8, Samyang 12/2.0…)
  • Kamera mit ISO-Werten jenseits der 3.200.
  • Aufnahme von RAW-Dateien (lies zur Erklärung den Artikel: „RAW oder JPEG? – Glaubensfrage in der Fotografie?
  • Stabiles Stativ
  • eine Portion Verrücktheit
  • wenig Angst im Dunkeln

Die Vorbereitung

Die besten Monate für Milchstraßenfotos sind: Februar, März, April, Mai, August, September, Oktober.

Und natürlich musst du deinen Tag mit wolkenlosem Himmel abpassen. Das siehst du am einfachsten über gängige Wetterberichte mit Wolkenradar wie bei WetterOnline oder mit Hilfe der App Clear Sky.

Zunächst suchst du dir auf der Karte einen geeigneten Standort in deiner Nähe: Lichtverschmutzungskarte.

Prüfe bei Tageslicht, wo genau dein Objektiv im Unendlichkeitsbereich scharf ist. Der Autofokus ist bei einem Milchstraßenfoto unbrauchbar.

Dazu gehst du folgendermaßen vor: Viele Objektive besitzen eine Entfernungsskala zum Fokussieren. Aus eigener Erfahrung kann ich dir aber berichten, dass ich bisher EIN Objektiv besaß, das beim Anschlag auch scharf war. Bei den meisten liegt der Schärfepunkt einen hauchzarten Dreh vor dem Anschlagspunkt.

Einige Fotograf*innen ritzen eine Kerbe an der Stelle des Schärfepunktes in die Skala. Mit etwas Übung und Erfahrung bekommst du das wahrscheinlich aber auch so ganz gut hin. 🙂

Dann packst du folgende Sachen in deine Kameratasche oder deinen Kamerarucksack:

  • Klamotten zum Überziehen
  • Stirnlampe
  • Stativ
  • Thermokanne mit einem heißen Getränk
  • je nach Jahreszeit Mütze, Schal, Handschuhe

Vor Ort gehst du folgendermaßen vor

An deiner Location angekommen:

  • setze deine Kamera aufs Stativ
  • schalte den Stabilisator des Objektivs aus, wenn es einen besitzt
  • fokussiere das Objektiv manuell auf den Schärfepunkt im Unendlichen
  • stelle deine Kamera so ein, dass sie RAW-Dateien aufnimmt
  • richte die Kamera auf die Milchstraße aus
  • stelle im Modus „S“ oder „Tv“ die maximale Belichtungszeit passend zu deiner Brennweite und deiner Kamera ein
  • drücke den Auslöser und warte

Zur Erinnerung, hier die Tabelle mit den Belichtungszeiten:

Brennweite in MillimeternKleinbild1,5 Crop (Fuji, Nikon DX…)1,6 Crop Canon z.B. 90D, 850D, 2000D…2,0 Crop micro Four Third z.B. Olympus
933s22s21s17s
1030s20s19s15s
1225s17s16s12s
1421s14s13s11s
1619s12s11s9s
1718s12s11s9s
1817s11s10s8s
2412s8s8s6s

Stellst du fest, dass dein Bild zu dunkel und keine Sterne zu erkennen sind, überprüfe folgendes:

  • Hast du versehentlich den ISO-Wert deiner Kamera limitiert? Und keine falsche Scheu vor zu hohen Werten.
  • Ist die Blende deines Objektivs gänzlich geöffnet, also die kleinste Blendenzahl eingestellt?

Zur Nachbearbeitung mit einem Mac empfehle ich dir Florians Gastbeitrag: „Stacking für MacOS – atemberaubende Sternhimmelfotos„.

Nutzt du einen Windowsrechner trage dich in meinen Newsletter ein, dann erfährst du, wenn mein Artikel zur Bearbeitung von Sternenhimmelfotos mit kostenfreien Programmen online ist:

Nutze dein Wissen über die Belichtungszeit

Gratuliere!

Wenn du es bis hierhin geschafft hast, weißt du jetzt alles Notwendige über die Belichtungszeit.

Nun liegt es an dir, dein Wissen anzuwenden und zu nutzen.

Sei kreativ und lote die Grenzen deiner Ausrüstung aus.

Ich bin gespannt auf deine Bilder!

In diesem Sinne,

Allzeit Gut Licht!

P.S.: Solltest du vor Problemen stehen oder an einer Stelle nicht weiter kommen, schreib mir gern eine Mail. Zusammen kriegen wir dein Problem garantiert gelöst.

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