sonne in sternenform in lichtem grünen wald

Räumliche Tiefe – Dreidimensionalität in Bildern

steine am seeufer zum sonnenuntergang

Fotograf*innen haben in der Regel ein fundamentales Problem: Sie wollen Räumlichkeit in einem zweidimensionalen Medium darstellen. Aber wie genau kannst du räumliche Tiefe in einem Foto erzeugen? In dem unser natürlicher Seheindruck nachgeahmt wird. Mit Hilfe einiger Gestaltungsmittel lässt sich auch bei Fotos der Eindruck von Dreidimensionalität erwecken. Zum besseren Verständnis eine Anekdote aus meiner Kindergartenzeit: Mit vier Jahren sollten wir gelegentlich Bilder malen. Eine reichlich resolute Erzieherin schien in einem früheren Leben Kunstkritikerin gewesen zu sein. Jedes Bild wurde von ihr bewertet. Am häufigsten war der Ausdruck: „Das ist falsch! Wenn das Pferd hinter dem Auto stehen soll, muss es kleiner sein und es ist da nichts zu sehen, wo das Auto ist.“ Eindrückliche Lehrstunde in Sachen „richtiges Sehen“. Ob das schon mit vier Jahren in der Schärfe notwendig war, lasse ich mal dahin gestellt. 🙂

Zwei wichtige Elemente für die Erzeugung räumlicher Tiefe

Mal abgesehen vom Erziehungsstil stecken in der Aussage bereits zwei wichtige Elemente zur Erzeugung räumlicher Tiefe in der Fotografie: Elemente verdecken sich; je nach Abstand erscheinen Elemente unterschiedlich groß.

zwei inseln in einem see zum licht der untergehenden sonne mit einem stein im vordergrund für räumliche Tiefe
Rein auf die Fläche bezogen, ist der Stein mindestens genauso groß wie die beiden Inseln im Hintergrund.

Auch wenn der Stein nahezu genauso viel Platz im Bild einnimmt wie die beiden Inseln, käme wohl niemand auf die Idee, der Stein sei genauso groß. Wir haben gelernt, dass der Stein größer wirkt, da wir „viel dichter dran stehen“.

Und genau dieses Wissen, diese Erfahrung machst du dir in der Fotografie zu Nutze. Im obigen Bild springt das Auge vom sehr präsenten Stein über den See. Weiter zu den beiden Inseln bis hin zum Himmel. Das Auge wandert durch das Bild und damit auch durch die Szenerie.

grüne birke vor einer nebelbank im hintergrund ein geschwungen geformter berggipfel und vermittelt dadurch räumliche tiefe
Der Berg wird durch Baum und Nebel verdeckt, dadurch entstehen, zugegeben in diesem Fall recht platte, Ebenen

Der Baum steht vor dem Berg. Und zwar ein ordentliches Stück. Das Verdecken von Elementen kannst du auch gut einsetzen, um Spannung ins Bild zu bringen. Denn wenn du andere Elemente im Bild versteckst, müssen sich die Zuschauenden intensiver mit deinem Bild befassen. Sie sind gefordert das nicht Gezeigte mit eigenen Gedanken auszufüllen. In der Endkonsequenz bleiben sie länger an deinem Bild hängen. Und das ist doch ein gutes Signal.
Anhand des obigen Bildes kann ich dir auch noch ein weiteres zentrales Mittel der Bildgestaltung erklären: Die Nutzung von Ebenen.

Exkurs: Bildaufteilung in drei grundlegende Ebenen

Wie du im Bild mit dem Baum oben gut erkennen kannst, sind die Elemente recht eindeutig gestaffelt: Baum ganz vorn, Nebel in der Mitte, Berg ganz hinten. Damit haben wir die drei grundlegendsten Bildebenen auch schon beisammen. Es gibt:

  • den Vordergrund (Baum)
  • die Bildmitte (Nebel), manchmal auch „Mittelgrund“ genannt, aber da rollen sich mir die Fußnägel hoch… :D)
  • und den Hintergrund (Berg).

Im Idealfall gibt es Bildelemente, die eine Verbindung der drei Ebenen schafft. So schaffst du in deinem Bild nicht nur den Eindruck räumlicher Tiefe, sondern geleitest die Zuschauenden durch dein Bild (eine Möglichkeit kommt in diesem Beitrag weiter unten). Sowas wird gern aufgenommen. Und wenn du dann auch noch eine gewisse Spannung im Bild erzeugst, bleibt dein Bild den Menschen im Gedächtnis haften.

Und damit wir an dieser Stelle schon mal ein wenig die Theorie verlassen und du auch etwas praktisches zu tun bekommst, folgende kleine Aufgabe, falls du mal bei Instagram wild durch die Bilder scrollst (Solltest du nicht auf Instagram vertreten sein, hier mal meine Bildergalerie als Startpunkt. :)):

Mach‘ dir die Mühe und analysiere bewusst tolle Bilder nach diesem Ebenenaufbau (Vordergrund, Mitte, Hintergrund). So bekommst du ein Gefühl für den Ebenenaufbau in Bildern und kannst dann anfangen, bewusst damit zu spielen. Verbindungen, wo vielleicht keine waren. Ebenen in Kontrast zueinander setzen, so dass Spannung entsteht. Oder einen ruhigen Ankerpunkt im Vordergrund, wirbelndes Wasser in der Mitte und im Hintergrund ein kräftig leuchtender Sonnenuntergangshimmel. Zugegeben, das letzte beschriebene Szenario ist jetzt nicht so ganz neu… 🙂 Aber es funktioniert. Immer und immer wieder.

Staffelungen nutzen

Eine weitere Möglichkeit räumliche Tiefe in einem Bild zu vermitteln, besteht in einer Staffelung. Weit entfernte Dinge verschwinden zunehmend im Dunst. Sie wirken zunehmend heller. Sowas hast du bestimmt auch schon häufiger in Bildern aus den Bergen gesehen.

sonnenlicht bricht durch dichte wolkendecke und bestrahlt nebel zwischen bewaldeten bergen tiefenstaffelung sorgt für räumliche tiefe
Nebel und Dunst sorgen dafür, dass die hinteren Bergrücken heller und damit weiter entfernt wirken.

Da ich weiter oben ja von Ebenen sprach: Wie du siehst, musst du dich nicht auf die drei grundlegenden beschränken. Du kannst natürlich auch Bilder mit weit mehr als nur drei Ebenen aufnehmen. Achte dabei allerdings darauf, dass du es nicht übertreibst und du Betrachtenden durch Bildelemente eine Führung durchs Bild mitgibst. Mit anderen Worten: Räumliche Tiefe erfordert den ein oder anderen Wegmarker, um sich nicht zu verlaufen. 🙂

Wichtig auch bei den Staffelungen, dass die verschiedenen Ebenen in einer Beziehung zueinander stehen. Im obigen Bild sorgt das weiche Licht des Sonnenaufgangs und der Dunst/Nebel für eine gewisse Klammer der verschiedenen Bergrücken. Manchmal siehst du vielleicht auch Blendensterne, deren Spitzen eine Reihe von Höhenzügen überstrahlen. Auch hier gilt wieder meine übliche Maxime: Einfach ausprobieren.

Und falls du noch nicht genug Theorie hattest, folgt noch eine weitere Möglichkeit räumliche Tiefe in einem Bild zu erzeugen:

Räumliche Tiefe durch Linien

Wie es die Überschrift schon sagt: Durch Linien erzeugst du räumliche Tiefe. Oder kannst es zumindest. Denn du brauchst spezielle Linien.

fussspuren am strand
Manchmal können auch Fußspuren zu etwas gut sein. 🙂

Die Fußspuren führen in die Ferne. Das erkennst du daran, dass sie immer kleiner werden. Du erinnerst dich an den ersten Teil des Textes? 🙂 Genau, Objekte in der Ferne erscheinen kleiner als Objekte vor der Nase. Da die Fußspuren gleichzeitig auch noch mit Bewegung verbunden werden, findest du auch dieses Motiv häufiger in Bildern. Natürlich auch, weil es funktioniert. Besonders am Strand lohnt es sich, wenn du die Augen offen hältst.

Was du mit Sicherheit auch kennst, ist folgendes:

steg am meer führt zu kleinem häuschen über gerfrorenem wasser am morgen
Geländer in jeder Form sind ein gern genutztes Element unter Fotograf*innen um räumliche Tiefe zu erzeugen.

Aufeinanderzulaufende Linien vermitteln ebenfalls räumliche Tiefe. Denn das entspricht unserem normalen Alltagssehen. Auch wenn objektiv betrachtet sich zweidimensional der Abstand der beiden Geländer auf dem flächigen Foto einfach nur annähert, bastelt unser Gehirn ein räumliches Bild davon zusammen.

Linien auch als leitendes Element nutzen

Häufig heißt es auch: Solche Linien sorgen dafür, dass Zuschauende ins Bild hinein geführt werden. Denn zugleich folgen unsere Augen den sehr markanten Linien des Geländers ins Bild hinein. Idealerweise gibt es in Richtung der Linien auch noch etwas Interessantes zu entdecken. Gut, im Falle des obigen Bildes ist mir das nicht so richtig gelungen. Denn wirklich spannend ist der Himmel, beziehungsweise das kleine Häuschen, jetzt nicht. Aber eventuell weißt du, was ich meine? Falls nicht, hier noch mal ein anderes Bild:

steile treppe führt zum strand mit schäumendem meer leicht bewölktem himmel zum sonnenuntergang
Hier habe ich zwei Linien miteinander kombiniert: Die Treppe und die Welle.

Im Bild wollte ich die Treppe als Einstieg (bitte entschuldige das platte Wortspiel, ich konnte einfach nicht anders… :D) nutzen, um dann mit dem Blick zur Wasserkante zu gelangen, die schließlich in Richtung des spannenden Sonnenuntergangs führt. Also, Augen auf, Linien kombinieren und auch damit lustig spielen und ausprobieren. 🙂 Dadurch gewinnt jedes Foto.

Natürliche Linien finden und nutzen

Oben habe ich bewusst erstmal künstliche Linien beschrieben. Aber auch in der Natur wirst du viele Linien finden. Vorausgesetzt, du machst dir die Mühe, genau hinzusehen. Gerade am Strand (hatte ich erwähnt, dass es einfach großartig ist direkt an der Ostsee zu wohnen? 🙂 ) finden sich häufig Steine, angeschwemmtes Strandgut und ähnliches. Das kannst du ebenfalls wunderbar nutzen. Ja, Steine am Strand zum Sonnenuntergang ist nichts großartig Neues. Aber so schulst du auf jeden Fall dein Auge. Und erkennst auch bei anderen Aufnahmen Linien, die sonst keinem aufgefallen sind. Übrigens hilft es mir ungemein, meine Bilder auch mal anderen Menschen zu zeigen. Denn oftmals erkennen andere noch viel mehr Elemente in meinen Bildern. So erweitere ich stetig meinen Blick und achte auf Sachen, die mir allein nie aufgefallen wären. Ebenfalls hilft es, mit anderen loszuziehen. Aber das nur am Rande. Hier ein Bild, damit du verstehst, was ich meine.

linie von steinen in klarem seewasser zum sonnenuntergang sorgt für räumliche tiefe
Die Steine bilden eine nahezu perfekte Linie zum Sonnenuntergang.

Manchmal findest du auch Linien, die auf den ersten Blick gar nicht da sind, beziehungsweise nur durch die Kamera sichtbar werden. Denn mit einer Kamera hast du den Vorteil, du kannst sich bewegende Objekte verschwimmen lassen. Stativ und ausreichende Belichtungszeit vorausgesetzt. Dadurch kann beispielsweise so etwas entstehen:

welle bricht über seebrücke mit gelber Leuchtbake zum sonnenuntergang
Durch die verschwommenen Wellen entstehen ganze Bündel von Linien

Die Linien im Wasser sorgen in diesem Falle nicht nur für räumliche Tiefe. Hier sorgen sie auch gleich noch für Dynamik. Auch hier bleibt mir wieder nur der Appell: Probiere dich aus! Je mehr du experimentierst und versuchst, desto größer wird dein kreativer Fundus. 🙂 Versprochen. Und nun aber endlich frisch ans Werk. Geh‘ los und suche dir Linien. 🙂 Und falls du Fragen hast, schreib mir eine Mail, hinterlasse einen Kommentar unter diesem Beitrag oder entere meine Facebookgruppe.

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